A Dance with Fear and Trust

2018-12-30

Wir treffen uns am letzten Sonntag des Jahres. Eine Schattenwölfin und ein weißer Wanderer.

Nach einer schlaflosen Nacht geht es gegen Mittag auf nach St. Peter. Natürlich ist das Gejammer groß als es in die Box geht. Wir werden viel üben müssen, sobald wir wieder zuhause sind. Nach einer guten Stunde sind wir da. Es ist voll, um es mit meinen Worten zu beschreiben rotzevoll. Wir brauchen länger im Parkhaus als vermutet. Lex bellt und zieht nach allen Richtungen. Es geht dennoch erstaunlich gut. Er ist so in seiner Gedankenwelt, ich dringe einfach nicht mehr durch. Jede Korrektur geht ins Leere und so lasse ich ihn seinen eigenen Rhythmus finden. Ich bin trotz der ungewohnten Umgebung entspannt. So entspannt wie ich schon lang nicht mehr in einer derartigen Situation war. Vielleicht liegt es an dem Wissen auf Gleichgesinnte zu treffen, auf Menschen, die wissen, Menschen, die ticken wie wir.

In den letzten Wochen ist erst zaghaft über die ein oder andere Nachricht, das ein oder andere Kommentar, ein kleiner Kontakt gewachsen. Aus dem anfänglichen kleinen Kontakt wurden kleinere Gespräche, aus denen wurde dann ein täglicher Austausch. Man hat erstaunlich viel gemein und kämpft an erstaunlich ähnlichen Fronten. Beides junge Hunde, beide gehen den Weg des Assistenzhundes. Beide mit Hindernissen, Zweifeln, Ängsten und Ungewissheiten. Wir haben festgestellt, dass wir uns doch irgendwie erstaunlich gut gegenseitig aufbauen können. Uns Kraft geben, wenn am anderen Ende von Instagram die Welt ein Stückchen zusammengebrochen ist, und wir, ganz gegen unsere beiden Naturen uns doch irgendwie vertrauen.

Ich habe wirklich sehr auf ein Treffen gehofft, auch wenn ich doch irgendwie gespürt habe, das die andere Seite ein wenig mit sich hadert. Ich auch irgendwie Angst hatte, wir uns aber doch irgendwie einig waren – unsere beiden Pubertiere sind ein Kopp und ein Arsch. Wir haben beide gehofft ein gutes Abenteuer zu erleben. Unsere Hunde gemeinsam zu sehen. Uns gegenseitig versichern zu können „Hey, es läuft so gut bei euch“. Und dennoch war auch die leise Angst vor einer totalen Enttäuschung irgendwie da. Es ist doch was anderes mehr oder weniger anonym miteinander zu schreiben als sich wirklich gegenüber zu stehen. Uns beiden in Echt beim Versagen zusehen zu müssen. Doch dann stand es fest, wir treffen uns! Ein Absagen ist dennoch bis zum letzten Augenblick möglich. Abbruch jederzeit.

Die Stunde Fahrt hat sich wie eine Ewigkeit gezogen. Dann war der Augenblick da. Wie angekündigt hat sich Lex bellend bemerkbar gemacht. Ein kurzer Blick in die Runde und wir sind gemeinsam – Lex mich ziehend an die Strandpromenade gelaufen. Es ging durch wahrhaftige Menschenmassen, Hunde an allen Ecken. Laute, leise, kleine, große. Kein Anschluss unter diesem Lex. Kein Bellen, auch kein Hochspringen oder Maulen, einfach nach vorne ziehen. Ein Versuch der Situation entkommen zu wollen, weil sie mir doch irgendwie zu viel war? Oder einfach nur das normale Ziehen eines wilden Junghundes, der einfach überfordert mit all den Reizen war? Die Bretter des Stegs waren glatt, meine Gummistiefel noch glatter. Ganze drei Mal hat er mich von den Füßen geholt. Die Scham darüber war schnell verflogen, zu sehr musste ich mich konzentrieren. Wir waren zu viert, dazu die Schattenwölfin und der weiße Wanderer.

Als wir langsam aus den Massen auftauchten, rein in die endlose Weite von Sandstrand und Meer, entspannte sich Lex langsam. Hat er anfangs immer wieder versucht auf einen Schnüffler und eine Spielerei zum Huskymädchen zu kommen, funktionierte es jetzt deutlich besser. Beide haben sich zwar noch immer im Blick, man ist aber durchaus wieder empfänglich für Umwelt und Worte. Wasser für Lex und Wechsel zur Schleppleine. Dann Feuer frei! Nach anfänglichem Herantasten wurden die Spielereien doch schnell wilder. Nebeneinander her ging es in immer wilderen Runden. Teilweise blieben Leute stehen, um die beiden bei ihrem Tanz zu beobachten. Wild und ungestüm, dann beinahe zärtlich, wie sie nebeneinander und hintereinander her sind. Sich gegenseitig die Schnauzen leckend. Dabei immer wieder Kontakt zu ihren Menschen aufnehmend. Als sämtliche Außenreize soweit entfernt waren wie nur möglich und wir uns sicher waren, das Lex bei seinem Mädchen bleiben wird, habe ich seine Schleppleine abgenommen. Mehr als einmal haben sich Mensch und Hund verheddert, war einer der Zweibeiner haarscharf dran von den Beinen geholt zu werden. In einem wilden Zoomie rannte Lex um uns, um zu zeigen was er Großartiges drauf hat. Dennoch reichten die leisesten Rufe um beide Hunde wieder zu uns zu holen. Wo der eine war, war der andere nicht fern. So bahnten wir uns unseren Weg zum Wasser. Hin und wieder ein Gespräch, sind wir doch zum größten Teil einfach zusammengelaufen und haben die gemeinsame Zeit genossen. Die Hunde beobachtet und uns einfach auf das Hier und Jetzt konzentriert. Ja, es ist genau das Abenteuer was uns gezeigt, das wir doch auf dem richtigen Weg sind. Die Schattenwölfin und auch der Wanderer. Wir hatten so Recht, die beiden sind einfach perfekt füreinander. Es passt großartig! Sie toben, aber sie bremsen sich auch gegenseitig und trotzdem geht keiner im Spiel verloren. Gerade in unbekannter Umgebung ist Lex sehr aufmerksam mir gegenüber, dennoch blieb keine Pfütze aus und jedes Spiel wurde begeistert aufgenommen. Im wilden Wechsel, ausgeglichen und harmonisch.

Zeitweise im Gehen fast einschlafend sind sie nebeneinander geschlichen. Wir konnten sie sogar nebeneinander absitzen lassen. Sie können es! Sie können es beide. Es fehlt nur etwas Übung. Nicht aufgeben. Sie sind beide so gut in dem was sie machen, was sie können müssen.

Wir waren gute drei Stunden unterwegs. Es kam sogar kurz die Sonne raus. Der Gang zurück über den Steg hat sich für mich schon besser angefühlt. Es war von Anfang an ein Vertrauen da, aber in der kurzen Zeit ist es doch um einiges gewachsen. Kamen uns unangeleinte Hunde entgegen, sind jeweils zwei von uns ausgeschwärmt und haben unser Rudel abgeschirmt. Als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Ohne viele Worte sind unserer Männer an für uns kritischen Stellen voran, haben die Menge geteilt, uns flankiert, unserer Schutzschilde. Selten habe ich mich in einer solchen Masse an Menschen so unheimlich sicher gefühlt.

Lex hat derweil wieder genug Kraft tanken können um wieder zu ziehen, dies lag aber mehr an einem dringenden Bedürfnis, als an einer Reizüberflutung.

Obwohl ich eine Menge Wasser in Lex geschüttet habe, konnte er seine Schnauze nicht aus dem Salzwasser lassen und so kam es wie es kommen musste. Jeder kennt den Weltbekannten Brunnen in Wunstorf „Der Junge und die Kuh“, der eine Wasserfrontänen aus dem Hintern spritzt – hat er gut getroffen! Je weniger Wasser wir auf dem Rückweg begegnet sind, desto besser wurde es auch.

Wir sind noch eine gemeinsame Runde durch ein Wäldchen gelaufen, die Hunde konnten ihre Wassermassen los werden, sich etwas entspannen und runterkommen. Je weniger Menschen uns begegnet sind, desto aufmerksamer wurde Lex wieder. Ein kleiner Westi wurde in Grund und Boden gekläfft… Es war gut mit Menschen unterwegs zu sein, die sich durch einen aufgeregten Rüdiger nicht aus der Ruhe bringen lassen. Uns gar mit ihrer Ruhe angesteckt haben.

Als wir so in der Runde standen, kam ein Pärchen vorbei. Die junge Frau hat gleich die Hand nach Lex ausgestreckt. Ich war zu langsam. Bis dahin hat Lex so schön ruhig bei uns gesessen. Danach musste er seinen Unmut wieder lautstark kundtun. Die Wölfin wollte ihm dafür eins auf die Nase geben. Wir regeln das. Entspannt euch. Die Trennung ist Lex sichtlich schwer gefallen. Sie verlief für uns Menschen ohne großes Gewese, ähnlich unserer Zusammenkunft. Lex hat sich noch lang umgedreht und zurückgeschaut.

Die Augen rot vom Salzwasser, die dünne Haut um die Augen dick und aufgequollen, kaum mehr in der Lage zu stehen, so schlich er zurück in unsere Ferienwohnung.

Daniel und ich haben versucht so viele schöne Bilder wie möglich zu machen, den Moment festzuhalten. Für uns vier. Damit wir uns jederzeit erinnern können wie gut es war uns zu trauen, uns zu vertrauen. Das es doch Menschen gibt, die sind wie sie sind. Ehrlich. Gut. Die es wert sind. Die verstehen. Mit denen man ein Stück des Weges gehen möchte. Es ist doch etwas ganz anderes auf Menschen zu treffen, die einfach wissen wovon man spricht. Die es nachfühlen können, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die keine gut gemeinten Ratschläge verteilen, sondern Wissen teilen.

Das Treffen war unser absolutes Urlaubshighlight. Es hat so unheimlich gut getan. Ich bin noch immer so voller Glückstränen und Freude.

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  1. […] A Dance with Fear and Trust […]

  2. […] ist der Blogpost auf Lex’ Page zu unseren tollen Treffen mit einem anderen Assistenzhundeteam online gegangen. […]

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